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+++ Kurze Geschichten +++
+++ Zitate und Gedanken zur Beratung, Paartherapie +++

Paarberatung, Beziehungsberatung, Paartherapie, systemische Beratung, Hamburg

Übers Wandern

"Ich habe mir meine besten Gedanken ergangen und kenne keinen Kummer, den man nicht weglaufen kann."
Natürlich sagt es Kierkegaard wieder am Besten.

Aber ich habe mir vor einigen Jahren auch mal ein paar launige Gedanken zum Thema 'Wandern' in einer Kurzgeschichte gemacht - und die Teile ich jetzt hier (wenn dir das Lust macht dabei zu sein, wenn wir vom 19.-22.05. von Lübeck nach Hamburg wandern, dann klick unten auf den Button):

"Aaahh, wandern, dachte Joe, zu wandern ist überhaupt das Beste. Ein Wandernder ist kein Spaziergänger, aber auch kein Kletterer, es ist anstrengend, aber nicht gefährlich, dachte er und bescheinigte sich, dass das gerade ein sehr gutes Nachdenken war. 

Der Wanderer der vollkommene Urlauber. Er ist sauber und ruhig. Er ist kein Abenteurer, der nur seinen Felsen haben will und sein Geld in seine Ausrüstung steckt und so dem Land nichts, rein gar nichts bringt! 
 Er überschüttet das Land aber auch nicht mit seinem Geschiebe, Gedränge und Geknipse. Nein, der Wanderer verausgabt sich auf dem Weg, erholt sich im See und lässt seine Scheine anständig und anspruchslos in den Restaurants der Einheimischen zurück.

So dachte Joe in der Stille vor sich hin, während er schwitzend den Berg erklomm.

Wie das Wandern meinen Geist beflügelt, dachte er weiter, an das soeben Gedachte zurückdenkend. Wie es mich erhebt. Es macht mich zu einem vollständigeren Menschen, dachte er. Das klingt groß, ist aber so, rechtfertige er sich vor sich selbst und lächelte. 

Geht wandern, ihr Menschen, appellierte er an niemanden und zugleich alle. 
 Deine Lungen füllen sich mit Sauerstoff, die Wunder der ewigen Natur rühren dein Herz an und es geht dir besser, schlagartig, predigte er.
 Und nirgendwo spricht es sich besser als beim Wandern, beeilte Joe sich zu denken. Dass ich das fast vergessen hätte, schalt er sich. Reden, reden, das ist ja genau genommen sowieso das Lebensnotwendigste. Wer nicht redet, geht ein! Und tiefes Reden, das geht nirgendwo besser als auf einer Wanderung.
 Überhaupt gäbe es weniger Streit, weniger Hass, weniger dummes Zeug ganz im Allgemeinen, so träumte er weiter. Der Wanderer ist das friedvollste Geschöpf auf Erden, so viel ist klar. Wandern steht für Weltfrieden, der Satz musste jetzt auch noch gedacht werden. Ist nicht auch Heine mit seinem Wintermärchen durch Deutschland gewandert! Frodo wandert nach Mordor und rettet die Welt. Jesus, der Wanderprediger! Mein Gott, dachte er, wandert Gott selbst unter uns? Gott, der Wanderer. Gott in jedem Wanderer. Der wandernde Gott. Der göttliche Wanderer! 
 Ok, das war jetzt too much, schalt er sich, aber es hat doch Spaß gemacht."

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Systemische Sexualtherapie, Block 1

Vom 19.-21.01.2024 habe ich mit der Weiterbildung "Systemische Sexualtherapie" mit Nele Sehrt begonnen. 
Kopf und Herz brummen noch von so viel Input, neuen Gedanken, herausfordernden Themen und großartigen Menschen. 

Hier ein paar Schnipsel und Splitter als ersten Einblick:

- Wozu hast du Sex?
- "Wozu wird nicht über Sex gesprochen?" Um das "Beziehungs-Wir" nicht in Frage zu stellen, einigen sich Paare mit der Zeit auf "den kleinsten gemeinsamen Nenner" (nach U. Clement).
- Wenn ich beim Sex nur "mitmache", dann kann ein "abgeschalteter Körper" eine sinnvolle Lösung (statt ein Problem) sein, diesen Sex nicht mehr mitzumachen.
- A sagt: "Ich will begehrt werden von dir." Und B sagt: "Ich begehr dich doch!" Und die Therapeutin fragt: "Was muss konkret, auf der Handlungsebene geschehen, damit ihr euch begehrt fühlt?"
- "Sprecht ihr in eurer Beziehung über Masturbation?" Nele dazu: "Wenn ich über Paarsexualität spreche, ist es wichtig, auch nach der Masturbation zu fragen. Es könnte ja Unterschiede zwischen beiden geben, die wichtig sind."
- "Wann war eigentlich der emotionale Höhepunkt beim Sex - und wann der körperliche? Denn: oft fallen die ja gar nicht zusammen."

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Anmeldung und weitere Infos gibts hier.

Mein neuer Praxisraum

Paartherapie Hamburg Trommer

Besser Lieben

Beim der wachsenden Plattform für Paar- und Sexualtherapeut*Innen https://besserlieben.de/ findet ihr übrigens jetzt auch mich (und viele kompetente Kolleg*Innen in der ganzen Republik, die online und vor Ort schnell Termine anbieten können)!

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***Neues Angebot: Pilger-Coaching***
Mit meiner lieben Kollegin Annette Kowa wage ich etwas Neues. Wir kombinieren was wir lieben - langes Gehen in der Natur und unsere systemisch-therapeutische Arbeit - und bieten Pilger-Coaching-Tage an.

Die Daten für unsere erste große Tour:
19.-22.05. - von Lübeck nach Hamburg

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Schreiben & Therapie

Schreibend denke ich am klarsten. Eine Begegnung ist unmittelbar, sinnlich, überfordernd. Es sind die schweren Arme, die brennenden Oberschenkel und der Schweiß auf der Stirn, die Freude über jede Kuhglocke und jeden Schmetterling und der Ärger über die Blase am Fuß beim Bergsteigen.

Darüber zu schreiben, rückt die Begegnung ferner, sie wird dadurch in ihren grundlegenden Formen erkennbar. Wie der Blick von Weitem, wenn sich die dunklen Kanten scharf vom Himmel abheben und der Berg als Ganzes, mit den grauen Geröllfeldern und den weißen Schneetupfen, bestaunt werden kann.

Schreiben ist für mich Therapie. 
Therapie meiner Selbst. Die richtigen Worte für meine Verwirrung, für meine Wut oder meine Angst zu finden, sie auf dem Weg des Schreibens zu entdecken (das Schreiben, das meine Hand bewegt und meinen Blick fixiert und damit meine inneren Kräfte bündelt). Das ist, als wäre ich mein eigener Arzt. 

Wenn ich schreibe, verarzte ich meine Seele.

Ich bringe mein Inneres in eine Ordnung, die ich nachlesen und vorlesen kann, die ich erzählen kann. So forme ich mein Inneres, es bekommt Gestalt, wie der Ton unter den Händen des Töpfers.

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Zu dem obigen Bild 
"The different types of nonmonogamy"

Als ich dieses Diagramm oben das erste Mal sah, war das ein klassisches Aha-Erlebnis. Die Unterscheidung heutiger Beziehungsformen danach, wie "hoch" oder "niedrig" diese emotional (horizontal) oder sexuell (vertikal) exlusiv sind. Maximal sexuell und emotional exklusiv zu sein, bedeutet dann logischerweise monogam zu leben.
Sobald eine Beziehung jedoch nicht eindeutig monogam gelebt wird, ergeben sich viele Möglichkeiten. Eine Beziehung ist nicht einfach "offen" oder "geschlossen". Und wo "offen" nicht näher definiert wird - was meiner Erfahrung nach schnell passiert - entsteht viel Raum für Missverständnisse.
Und dann glaubt A, dass wir "nur" Polyfidelity oder Open Relationship leben, B hingegen glaubt, "offen" meine "hierachical polyamory" oder gar "nonhierachical polyamory", um nur ein Beispiel zu nennen.
Bildquelle: Jessica Ferns "polysecure" (S.110)

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Sylke Richter, "Eure Liebe": über die Aufgabe der Paartherapie

"Wir können die Paare begleiten, ihnen Brücken bauen, über die sie vielleicht nicht gehen werden. Wir können geschützte Räume öffnen und sie einladen, ehrlich miteinander zu reden. Wir können Übungen anbieten, die sie bestenfalls wieder in Kontakt bringen. Manchmal moderieren oder übersetzen wir lediglich und manchmal streuen wir neue Impulse und erzählen von den Erfahrungen und Lösungsideen anderer Paare. Manchmal klären wir auf, sortieren gemeinsam Themen und Lebensphasen, und nicht selten begleiten wir auch die Trennung des Paares.
Das alles bieten wir an, aber wir können niemanden und niemandes Beziehung retten. Das müssen die Klienten schon selbst tun." (S. 9)

Hier einige meiner Lieblingszitate von Sören Kierkegaard. Kleine Gedanken, so treffend formuliert, dass ich sie gerne wieder und wieder lesen, mich in ihnen verfange, mich von ihnen korrigieren lasse:


"Daß die einzelnen Äußerungen oft einander widersprechen, fand ich völlig in der Ordnung: denn das rührt von der wechselnden Stimmung her."

"Ich unterhalte mich am liebsten mit Kindern: denn von ihnen darf man doch hoffen, daß sie noch vernünftige Wesen werden; die es aber (so sagt man) geworden sind – o Jerum, Jerum!"

"Von allen lächerlichen Dingen will es mir als das lächerlichste vorkommen, in der Welt emsig beschäftigt zu sein, ein Mann zu sein, der muntren Mutes und eilig bei seinem Geschäfte ist. Sehe ich denn, wie just im entscheidenden Augenblicke eine Fliege sich auf die Nase eines solchen Geschäftsmannes setzt, oder dass er von den Rädern eines Wagens über und über schmutzig wird, der ihm in noch größerer Hast vorbeijagt, oder die Schiffsbrücke vor ihm in die Höhe steigt, oder gar ein Ziegel herabstürzt und ihn zu Boden schlägt: da lache ich aus Herzens Grund. Und wer könnte sich des Lachens erwehren? Was richten sie wohl aus, diese eiligen Geschäftsleute? Was haben sie davon? Geht es ihnen nicht, wie jener Frau, die in ihrer Verwirrung darüber, dass Feuer im Hause war, die Feuerzange rettete? Was ist es wohl Besseres und mehr, was sie aus der großen Feuersbrunst des Lebens retten?"

"Mir fehlt überhaupt die Geduld zum Leben. Ich kann das Gras nicht wachsen sehen; wenn ich aber das nicht kann, so mag ich gar nichts darin gesehen haben."
 

"Die meisten Menschen laufen so heftig dem Genusse nach, daß sie an ihm vorbeilaufen. Es geht ihnen, wie es jenem Zwerge ging, der eine entführte Prinzessin in seinem Schlosse bewachte. Eines Tages erlaubte er sich einen Mittagsschlaf. Als er eine Stunde darauf erwachte, war sie davon. Rasch zog er seine Siebenmeilenstiefel an: mit einem Schritte war er weit an ihr vorbei."

Ich, der Klient

Herbst 2022

Letztes Jahr begann ich, selbst zu einer Therapeutin zu gehen. Zum einen, weil ich sie für einige eigene Themen brauchte, zum anderen, weil ich erfahren wollte, wie sich das anfühlt, selbst Klient zu sein.
Hier teile ich ein paar Eindrücke, die ich nach der ersten Sitzung notiert habe - und die sich (fast) alle allein darum drehen, was alles schon vor der Sitzung in und mit mir abging!

03.05.2021 – erste Sitzung

Eigentlich möchte ich, ganz in mir ruhend, mit viel Zeit und extrem entspannt bei der Therapie ankommen. Schließlich mache ich das für mich, für meine Entwicklung, freiwillig, nicht aus Pflicht für meine Therapie-Ausbildung, nicht, weil mich schlimme Ängste oder Ähnliches treiben. Stattdessen bin ich knapp dran, versuche in der S-Bahn durchzuatmen, zücke doch wieder das Handy und schreibe noch eine Nachricht zu einem hochemotionalen Thema an Freunde, mit denen ich vor 10 Jahren studiert habe und von denen keiner in meiner Stadt wohnt. Ich schaue umher und hetze schließlich von der Bahn zu dem Gebäude, finde den Eingang nicht gleich und sorge mich, dass ich gleich beim ersten Mal zu spät komme. 

Dann fällt mir ein, dass ich keinen Corona-Kurz-Test mehr gemacht habe, obwohl ich gesagt habe, dass ich das mache, da es der erste Tag nach meiner vom Gesundheitsamt verordneten Quarantäne war. Ich schüttele den Gedanken weg, ja, es ist mir unangenehm, aber es geht mir doch gut. Durch den Mailaustausch mit ihr gewann ich außerdem den Eindruck, dass sie damit locker umgeht, also kein Grund, mir jetzt Stress zu machen, jetzt bin ich schon fast da und jetzt geh ich da auch hin!

(Später fragt mich die Therapeutin, ob ich jetzt gesund sei und ich antworte wahrheitsgemäß mit „Ja“, denn krank bin ich wirklich nicht, also da bin ich mir recht sicher, ich habe keine Symptome, gleichzeitig spüre ich einen kleinen Stich, mein Gewissen regt sich, denn: Meinte sie mit der Frage nicht, ob ich mich nochmal getestet hätte? Wenn ich dieses „Ja“ nun nicht weiter erkläre, wenn ich nicht zugebe, dass ich mich nicht getestet habe, lasse ich sie damit nicht im Unklaren, bin ich gerade nicht unverantwortlich? Sie fragt nicht weiter und ich sage auch nichts weiter dazu.

Aber ist es nicht eine halbe Lüge, dieses „Ja“? Jetzt, beim Aufschreiben, ahne ich, dass ich das nicht so stehen lassen kann. Ich will die therapeutische Beziehung nicht auf einer Halbwahrheit aufbauen. Am Ende bin ich deswegen ihr gegenüber vielleicht überskeptisch, weil ich den Ärger über mich unbewusst nicht zulasse und auf sie übertrage?! 

Außerdem ist es eine Herausforderung unserer therapeutischen Beziehung direkt zu Beginn, wenn ich diese Sache beim nächsten Mal anspreche. Darin spielt direkt mein großes, mich oft belastendes, schlechtes Gewissen eine Rolle, es ist noch dazu etwas Echtes, Konkretes, Unverarbeitetes, was direkt mit uns beiden zu tun hat, kein Traum, den ich schon notiert, keine Geschichte, die ich schon anderen erzählt habe. Nein, ich kann nicht kontrollieren, wie sie darauf reagieren wird, ich bin neugierig und zugleich etwas angespannt und ich ahne, dass unser gemeinsamer Umgang damit wegweisend für unsere weitere Zusammenarbeit sein wird).

Dann finde ich doch den Eingang, eile die Treppen hinauf, ich bin wohl gerade so noch pünktlich auf die Minute, betrete das Wartezimmer des Praxisraums, passt doch. Durchatmen.

Und dann muss ich noch fünf Minuten warten. Ein kleiner Ärger ermächtigt sich meiner. Ich habe mich gestresst pünktlich zu kommen, liebe Therapeutin, und du gehst an mir vorbei, grüßt mich zwar, erbittest dir aber noch Zeit und fängst dann einfach erst fünf Minuten später an! Ist das nicht unprofessionell? Wenig wertschätzend? Und muss ich diesen Ärger nun (auch) beim nächsten Mal thematisieren, damit er sich nicht zwischen uns schiebt und, noch wichtiger, als Übung für mich? 

Denn das ist doch mein Entwicklungsziel: Sagen, was ich brauche. Was mich stört. Für mich einstehen. So wie ich es, immerhin, nach einer knappen Stunde mit der kleinen Uhr, die direkt vor mir steht, tue. Diese kleine Uhr, die tickt und tickt und mir damit immer anzeigt, wie lange ich noch in diesem Sessel mit der tiefen Sitzkuhle sitzen darf. Diese Uhr macht mich nervös, immerzu muss ich hinschauen und rechne, wie lange ich noch habe, und überlege dann fieberhaft, was ich bis dahin noch erzählen will, sollte, muss… entschlossen nehme ich die Uhr also nach dreißig Minuten und drehe sie von mir weg mit den Worten: „Entschuldigen Sie, aber die macht mich unruhig. Ist das okay?“ Natürlich ist es okay, aber gut, immerhin, ich habe es gemacht, ich habe auf mein Bedürfnis gehört und daher sollte ich auch das mit dem Zu-spät-Beginnen ansprechen, oder?

Das Gute am Warten auf den Beginn der Sitzung ist, dass ich mich sammeln kann. Mir gefällt die Praxiseinrichtung, auch wenn irgendwo ein paar Kristalle stehen, die mir gar nicht gefallen, da denke ich gleich an Esoterik. Alles ist in matten rot-braun-orange Tönen gehalten, Paul Klee-Wüstenbilder an den Wänden fügen sich gut ein. Der Sessel gleich im Praxisraum passt auch. Schwer ist er, mit dicken Armlehnen, in einem dunklen Orange gehalten und hat die erwähnte Sitzkuhle, zwei Vertiefungen auf der Sitzfläche rechts und links, in der Mitte eine kleine Erhöhung: Wie viele Ärsche saßen hier schon, wie viele allein schon heute?, schießt es mir durchs Hirn…

+++ 26.06.2022 +++

Es ist so weit. Ich bin es. Offiziell. Mit Brief und Siegel:

Systemischer Paar- und Familientherpeut (DGSF)

Nach unzähligen  Weiterbildungsstunden, hunderten Protokollen, vielen Tränen und noch mehr Lachen bin ich vor allem stolz und dankbar

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Seit ich den folgenden Text - Das Loch in der Straße aus dem tibetischen Totenbuch vom Leben und Sterben von Sogyal Rinpoche - das erste Mal gelesen habe, geht er mir nicht mehr aus dem Kopf.
In der Beratung und Paartherapie muss ich ständig daran denken, insbesondere wenn es darum geht zu verstehen, wie herausfordernd es ist, neue Erkenntnisse wirklich im Leben zu integrieren.
Manchmal erzähle ich dann diese Geschichte, unvollständig und verkürzt, so wie sie mir eben im Kopf hängen geblieben ist.

Jetzt habe ich sie hier auf meinen Blog kopiert, damit ich selbst die klugen Zeilen immer wieder nachlesen und im Fall der Fälle hiersogar kurz ablesen kann :-)

Das Loch in der Straße

Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verzweifelt.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig, ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, wieder herauszukommen. 

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig. Ich sehe es.
Ich falle noch einmal hinein… aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen. Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

Ich gehe eine andere Straße.




Und manchmal mag ich einfach ein schönes Bild. Hier von einem der schönsten Orte in Hamburg. Darauf würde ich am liebsten blicken, wenn in unseren Gesprächen in der Beratung oder der Paartherapie eine reiche Stille einkehrt, in der sich etwas vertieft:

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Woran erkennst du das gelungene Leben?
Wie bemisst du es? An welcher Zeit, diesem endlos zerrinnenden Rätsel?
An den traumvollen, selbstvergessenen Jahren der Kindheit?
An den verzauberten Montan des Anfangs in Marburg, die Stadt voller Studenten und alles ist möglich?
An den rauschhaften, überwältigenden Tagen im Schwarzwald, um dich nur dich Liebende und du heiratest?
An den strahlendklaren Stunden tiefruhigen Alleinseins oder des ideenprasselnden Schreibens?
An fliegenden Minuten, an zitternden Sekunden, an blitzkurzen Augenblicken?

Wie kostbar ist dieser Moment, dieser und DIESER, wenn ich schreibe Mo und schreibe ment – und dieser, in dem Du das liest?
Wie misst du das gelungene Leben?
Wer wertet – was bestimmst Du?

Ich erschaffe in meinem Inneren mein gelungenes Leben.
Ich hänge meine Erinnerungen wie Trautropfen an saftig grüne Halme und ich lasse die Sonne hervorbrechen, so dass es funkelt und blitzt.

Ich kann die Zeit nicht überwinden, aber ein wenig mich winden, das mach ich gern.
Ich behaupte: Ich entreiße der Zeit ein paar Tropfen, schüttele sie heraus und kleb sie an meine Halme – vielleicht merkt sie’s ja nicht, dann bleiben sie ewig!


EIN ERSTER TROPFEN: 
Als ich nach Monaten wieder – endlich – meine Haare auf der Stirn klebend,
fremde Strähnen im Gesicht,
Haut an Haut,
unter dem gewölbten Himmel mit den sich endlos drehenden Sternen,
von der segensreichen Erfindung vieler mächtiger Subwoofer angetrieben,
in einer glücklich tanzenden Menge der am glücklichsten Tanzende war,
wild, lachend und dankbar am Leben zu sein, 

da hatte ich plötzlich Mitleid mit Goethe.
Explizit mit Goethe. 

Nein, das hier hat er nie erleben und
mit seiner herrschaftlichen Sprache
verewigen dürfen.
Der Zu-Früh-Geborene. 
Der Arme. 

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Der Schweiß und das Eis 

Die folgende Begebenheit habe ich in meiner Ausbildung zum Systemischen Therapeuten aufgeschnappt. Sie hat mich seither immer wieder beschäftigt und beeindruckt. Ich habe sie erzählerisch ausgeschmückt und so verändert, dass keine realen Personen erkennbar sind.

Um 7:30 klingelte das Telefon der Therapeutin Ulrike Faberhorst. Es war ihre Klientin Madita. Sie klang zutiefst verzweifelt: "Ich muss unbedingt heute noch mit dir sprechen! Ich weiß einfach nicht mehr weiter! Ich kann nicht mehr!"
In Ulrikes Kopf klingelten alle Alarmglocken. Sie hat zwar an diesem Tag keinen Termin mehr frei, doch sie verspricht sie, alles zu tun, um Platz für sie zu schaffen. Sie telefonierte und organisierte herum, verschob, verkürzte, vertröstete, sprach Madita schon um 9 Uhr aufs Band, dass sie um 17 Uhr kommen könne, sammelte Kraft, für den nächsten Klienten (Thorsten, dessen Frau fremdging) bis sie um kurz vor fünf endlich alles, was an diesem Tag wichtig gewesen war, erledigt hatte.
Jetzt wartete nur noch der Notfall: Madita. 


Sie ließ sich auf ihre große Ledercouch fallen, streifte einen Moment ihre Schuhe ab, schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Sie kreiste ein wenig ihre Schultern und strich sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Die Klienten des Tages zogen vor ihrem inneren Auge vorbei. Zum Beispiel Maria, die mit ihren Eltern, die bei den Zeugen Jehovas waren, bis zu ihrem heutigen 32. Geburtstag, so sehr kämpfte. Nina und Tim, die mit Kind, Kredit und Karriere so heillos überfordert waren, dass sie nicht mehr zueinander fanden. 

Sie widerstand dem Impuls, sich auf dem Sofa auszustrecken, richtete stattdessen ihren Rücken auf, straffte die Schultern – und ließ dann Madita in ihrem Geist vor sich auftauchen. Ihr glockenhelles Lachen und die tiefen Grübchen erschienen zuerst, dann der Haufen von nassen und zerknäulten Taschentüchern, der sich vorgestern neben ihr aufgetürmt hatte. War in den letzten beiden Tagen etwas Dramatisches passiert? 
Die Unruhe und die Angst, die sie am Telefon heute Morgen gespürt hatte, waren groß gewesen.


Jetzt ist es fünf Uhr. Ulrike erwartet das Klingeln an der Tür. Sie wartet angespannt, blickt auf die Uhr. Nichts. Nach einigen Minuten erhebt sie sich, schlüpft wieder in ihre Schuhe, läuft umher, blickt zur Tür. Stille. Die Unruhe des Morgens kriecht wieder in sie hinein, die Dringlichkeit in Maditas Stimme als sie schluchzt: „Ich kann nicht mehr!“, der Berg aus weißen Taschentüchern. Sie presst die Augen zusammen, schüttelt den Kopf: Nein, nein, so schlimm wird es nicht, gleich klingelt es! Sie hat ihre Kinder, ihren Mann, die pflegebedürftige Mutter… nein nein, das würde sie nicht tun…


Ulrike riecht an ihren Achseln. Sprüht etwas Parfum darauf. Tritt zum Schreibtisch, schiebt ein paar Unterlagen hin und her. Blickt in ihren Terminkalender, sieht aber nichts. Sie kann sich nicht ablenken. Die Sekunden vergehen und keine Madita erscheint. 
Die Minuten vergehen: Sie muss etwas tun.

Der Schweiß und das Eis - Teil 2

Entschlossen greift sie zum Hörer und wählt Maditas Nummer. Es klingelt. Sie hebt nicht ab. Ulrike massiert sich die Nasenwurzel, tritt ans Fenster, schaut hinaus: Nichts. Nicht vor dem Haus, nichts am Telefon: „Guten Tag, das hier ist die Mailbox…“ Ulrike legt auf.

Gut. 'Ruhig', sagt sie sich. ‚Du weißt was in so einem Fall zu tun ist, Ulrike. Du hast eine Klientin, die sagt, dass sie nicht mehr weiterweiß. Sie hat in deiner Gegenwart schon von ‚einer Überdosis Tabletten‘ gesprochen… Bislang konnte sie glaubhaft davon Abstand nehmen, dass sie sich etwas antun will... Vor zwei Tagen lachten wir am Ende der Sitzung gemeinsam und sie begann ernsthaft darüber nachzudenken, mit Henry eine Paartherapie zu beginnen. Das klang nicht hoffnungslos. Aber nun… scheint etwas Schlimmes passiert zu sein. Sie ist vollkommen fertig. Und sie taucht nicht auf und sie geht nichts ans Handy und seit heute Morgen sind viele, viele Stunden vergangen, verdammt, verdammt, verdammt!!!

Okay, okay, ruhig. Ich rufe bei ihr zuhause an und danach…, ja dann, dann die Polizei, das muss ich!‘

Es ist schon elf nach fünf. Sie nimmt ihr Handy in die Hand, tippt nebenbei auf ihrem Computer, die private Festnetznummer, wo ist sie, hat sie die jemals gebraucht? Da blitzt Maditas Körper vor ihr auf, in der Badewanne, seltsamerweise das Haar, vor allem ihr Haar, wie es über den Rand nach außen hängt, an den Kacheln klebt. Eine kalte Faust zerdrückt ihre Eingeweide. Entschlossen tippt Ulrike die Nummer ein.

Es klingelt.

An der Tür.

Ulrike lässt das Handy auf den Tisch fallen, eilt zur Tür, reißt sie auf – und da steht SIE. Zwölf Minuten verspätet, ZWÖLF Minuten, aber nicht nur das: Sie hat eine Sonnenbrille auf der Nase und ein Eis in der Hand. 
An dem leckt sie. 
Und grinst! 

Und was macht Ulrike? Sie schreit nicht, donnert nicht die Tür zu, macht Madita keine Vorwürfe und lässt ihre Wut schon gar nicht passiv-aggressiv die Stunde vergiften. Nein, sie bittet sie herein - auch wenn es sie unheimliche Überwindung kostet und sie Madita am liebsten eine Klatschen würde.

Dann zeigt Ulrike Madita ihre Gefühle. Sie beschreibt die Hektik des Tages, die Sorge um sie. Dann die Angst, als sie nicht kommt, die sich bis zur Panik steigert, und nun, durch das Eislecken, das Umschlagen aller Gefühle in heftige Wut. 
Und in Mitleid, Mitleid, das hinter der Wut hervorschaut. 

Ulrike stellt sich, mit ihrem Inneren zu Verfügung. Sie möchte ihr helfen herauszufinden, was da bei ihr los ist, wie es sein kann, dass sie am Morgen panisch anruft – und am frühen Abend zu spät kommt, grinsend, als wäre die Welt ein Ponyhof. Ulrika hält Madite den Spiegel vor, sie sagt: ‚Schau, das passiert in mir durch dein Verhalten. Wie geht es dir damit? Wo kennst du das noch von dir?‘

Und, so erzählt Ulrike, es wird eine der besten Stunden, die sie je zusammen hatten. Sie sprechen die ganze Zeit über nichts als diesen Vorfall und kommen im Verlauf der nächsten Monate immer wieder auf diesen Tag zurück.

Statt einer Katastrophe wurde aus diesem Tag ein Schlüssel für Maditas weitere Entwicklung.

Ich bewundere Ulrike dafür und wünsche mir auch so handeln zu können: Aus so einer Stärke, Klarheit und Liebe heraus, die die Kunst der Therapie wohl ausmacht und die von so einer tiefen und dadurch schnellen Selbstkenntnis zeugt, die es schafft, selbst in einer solchen Lage, ganz für die Klientin zu sein. 

Erlebnisse aus der Supervision (Rückblick in den April 2021)

Wie fühlte sich die Supervision an?
Sie (meine Supervisorin) ist eine weise Gestalt mit einem Heiligenschein um den Kopf, sitzt aufrecht, im Schneidersitz, mit geradem Rücken und ruhigem Blick. Ich, der Berater und Therapeut, sitzt nun als Schüler, als Jünger, staunend zu ihren Füßen.
Ich komme zu ihr mit meinem innerem Chaos, ein Baby, das eine Leinwand vollgeklatscht hat mit 1000 Farben bin ich. Weil ich mich sonst am liebsten als die weise Gestalt mit dem Heiligenschein gebe, tut es gut, genau das zu fühlen. 

Ich erlebe einmal mehr: das rettende Wort kann ich mir nicht selbst sagen. Im Hinblick auf mich selbst und meine heutige Frage - soll ich schon wieder meinen Job wechseln? - bin ich blind. Es tut gut, zu spüren, wie gut es mir tut, dass sie sich mir ganz widmet. Zwar nur über den Bildschirm, die Technik ist ruckelig, wir lassen das Bild stumm laufen und telefonieren zusätzlich, aber das stört nicht. 


Es tut auch gut, mit ihr zu arbeiten, weil ich erlebe, wie gute Supervisorinnen/ Therapeutinnen arbeiten können. Sie zeigt mir, was ich einmal sein will oder sein könnte. Ich sage zu ihr am Ende: „Danke – wenn ich andere einmal so begleiten kann, wie Sie es tun, dann bin ich stolz und zufrieden.“ 
Es scheint, als würde sie sich über dieses Lob freuen.

Was genau macht sie so gut?
Ich habe schnell das Gefühl, verstanden zu werden. Entweder passt sie gut zu mir – oder sie stellt sich wunderbar geschmeidig und schnell auf mich verkopften Typen ein.

Ihre Ansprache ist nicht zu weich oder gefühlvoll, etwas, was mich eher hemmen oder einlullen kann. Sie stellt viele Fragen, offen, zukunftsorientiert, ohne große Schnörkel, das ist systemisches Basisrepertoire, aber es kommt zügig und hat eine klare Linie. Sie geht dazu auf meinen Humor ein, lässt mich für meine Eigenarten nicht auflaufen, sondern geht liebevoll auf sie ein, ja hebt sogar ihre Stärke hervor. 


Wie machte sie das konkret?
Sie wollte mit mir eine Arbeit mit sogenannten Bodenankern machen (da legt man Zettel auf den Boden und soll sich darauf stellen). Sie spürte, wie ich zögere. Ich erkläre meinen Widerstand: „Ich habe immer ein wenig Angst vor dieser Arbeit. Da wird nach einem Gefühl im Körper gefragt, das musste ich am Wochenende schon machen, da weiß ich dann manchmal nicht, was ich spüren soll, ich bleibe lieber sitzen und rede nur.“

Darauf sie: Ja, da könnte ich gleich mal üben, wie das ist, mit dem Widerstand der Klienten vor solchen Methoden umzugehen. Die werde ich ja bei meiner neuen Arbeit häufig anwenden – und oft auf Widerstand treffen. 
 „Aha, und wie geht man damit um?“ 
 „Man geht mit dem Widerstand!“
 Wir lächeln beide.

„Na gut, auf geht’s“, rufe ich und erhebe mich.
„Aha“, sagt sie, „da ist Ihr Widerstand ja für was gut. Er setzt ganz schön Energie frei.“ 
Ich lache geschmeichelt.


Und dann stelle ich mich auf verschiedene Bodenanker, versuche mir meine berufliche Gegenwart vorzustellen und auch meine Zukunft, schaue für mich, was stimmig ist, aber alles ganz ohne Krampf, von ihr durchgeleitet. 
Sie dirigiert mich sicher, sagt: „Und jetzt stehen Sie hier hin. Und jetzt, drehen Sie sich um. Jetzt – gehen Sie mal so weit, wie es für Sie geht.

Irgendwann sagt sie: „Hmm, es klingt alles so, als würden Sie bei Ihrer Entscheidung nur an die Anderen denken. Wenn Sie das als Gefühl zusammenfassen müssten…“ „Ich will es allen recht machen. Ich will, dass mir niemand böse ist hinterher!“
„Ah, das ist ein wichtiger Satz. Merken Sie sich das! Aber, gibt es nicht zusätzlich noch eine andere Reaktion in Ihnen, etwas, was an Sie selbst denkt?"
„Doch, klar. Wenn ich nicht das Gefühl habe, mich als Persönlichkeit, in meinen Fähigkeiten als Berater und Therapeut nicht weiterentwickeln zu können, dann muss ich weg von dem Job. Dass ich innerlich wachsen kann – das ist für mich das Wichtigste.“
„Schön! Da haben Sie hart gearbeitet. Sie haben zwei starke Typen herausgearbeitet. Da wäre es jetzt ein guter nächster Schritt, wenn die beiden sich mal miteinander unterhalten könnten. Der, der will, dass ihm niemand böse ist – und der, der nur bleibt, wenn er selbst wachsen kann. Und wenn die sich unterhalten, dann soll jeder von beiden sich dabei die Frage stellen: ‚Was brauchst du, um glücklich zu sein?‘ – weil beide haben ihr Recht, und sie sollen versöhnt sein. In Ordnung?“

Natürlich ist das in Ordnung. Es ist genau richtig, es ist wunderbar! Ich weiß das, ich spür das, und ich möchte mir fast an die Stirn klopfen, so klar ist das. Natürlich, das Über-Ich, der angepasste, kooperative Teil („Ich will, dass mir niemand böse ist!“) – und das ES, was nach der Lust geht, was egoistisch ist und nur auf sich selbst schauen will („Ich muss wachsen!“).

Mein Kopf sagt: ‚Natürlich sind es diese beiden Teile, es sind immer diese beiden, warum habe ich mir mein inneres Chaos nicht selbst danach strukturiert?‘

Aber das Gefühl spürt, wie schwer das alleine gewesen wäre, wie gut es ist, dass meine Supervisorin mich bis zu dieser Erkenntnis begleitet hat. 

Denn: Das rettende Wort – man kann es sich nicht selbst sagen. 

Orientierung

"Wodurch ändern sich soziale Systeme?
Meist durch Ereignisse - Geburten, Hochzeiten, Krankheiten, Wohnortwechsel usw. - und nicht durch Beratung.
Sie ändern sich aber auch dadurch, dass ihre Mitglieder etwas anders machen als bisher. Darauf setzen wir in Beratungen."

nach Schwing/Fryszer

&

"Man glaube nie, das Herz eines Menschen vollständig verstanden zu haben."

nach Henry James

kleine Mahnung

 "Ich möchte Leuchtturm sein
 in Nacht und Wind –
 für Dorsch und Stint,
 für jedes Boot –
 und ich bin doch selbst
 ein Schiff in Not."

Wolfgang Borchert

Vor einigen Monaten las ich diese wunderschönen Rilke-Worte zum ersten Mal. Seit diesem Moment sind sie mir zum Leitstern für eine gute Paarentwicklung geworden: 

"Ein Miteinander zweier Menschen ist eine Unmöglichkeit und, wo es doch vorhanden scheint, eine Beschränkung, eine gegenseitige Übereinkunft, welchen einen Teil oder beide Teile ihrer vollsten Freiheit und Entwicklung beraubt.
Aber, das Bewußtsein vorausgesetzt, daß auch zwischen den nächsten Menschen unendliche Fernen bestehen bleiben, kann ihnen ein wundervolles Nebeneinanderwohnen erwachsen, wenn es ihnen gelingt, die Weite zwischen sich zu lieben, die ihnen die Möglichkeit gibt, einander immer in ganzer Gestalt und vor einem großen Himmel zu sehen!"
Rainer Maria Rilke

Paarberatung, Beziehungsberatung, Paartherapie, systemische Beratung, Hamburg

Aufwachen. Denken. Schreiben.

Oft gehe ich durch mein Leben, als wäre ich ein Ding. Ich tue etwas so, als würde es getan. Als wäre ich nur Körper, eine Maschine, tot. Manchmal, wenn mir das bewusst wird, versuche ich lebendig zu werden, indem ich das, was ich tue, innerlich kommentierend mitspreche.

Wenn ich ins Bad gehe, denke ich dann: Ich gehe jetzt ins Bad.
Wenn ich dort dann in die Ecken, auf die weißen Fließen starre, denke ich: Ich starre in die Ecken, auf die weißen Fließen.
Und dann passiert etwas, das vielleicht banal klingt, das aber wichtig ist: Denn auf einmal denke ich noch mehr, als das, was ich tue. Ich denke: Ich starre da hin, um zu sehen, wie viele Haare dort liegen und wie viele Flecken sich schon gebildet haben. Ich schaue so, weil mich der Dreck ekelt und ärgert und ich mit meinem Blick prüfen will, ob ich mal wieder putzen sollte bzw. ob von den anderen immer noch niemand geputzt hat.

In dem Fall betrifft, was ich da so mein Tun kommentierend denke, etwas Alltägliches. Aber schon hier ändert sich dadurch wie ich das tue: Ich handle langsamer. Was ich tue, fällt mir auf. Ich werde mir meiner Selbst bewusst. Dabei komme ich meiner Gewohnheit (die Fließen prüfen), meinen Gefühlen (dem Ekel) und meinen Beziehungen (den Ärger über die Anderen) auf die Spur.

Das Aufschreiben im Nachhinein verändert dann wiederum das Gedachte. Schreiben ist die zweite Verlangsamungsstufe. Gerade im Bad dachte ich beispielsweise gar nicht über den Dreck auf den Fließen nach. Doch als ich hier am Tisch saß und über das Baderlebnis zu schreiben begann, da sah ich mich in meiner Vorstellung ins Bad hineingehen - und auf einmal sah ich mich die Bondensauberkeit prüfen (weil ich das sehr häufig beim ins Bad gehen tue), obwohl das dieses Mal eben gerade nicht geschehen war!

Ein Brief an mich selbst - Reflexionen über Beratungserfahrungen

Was geschieht eigentlich, wenn du Menschen berätst, wenn du ihnen in einem abgeschlossenen Raum auf einem Stuhl gegenübersitzt? Menschen, die du teilweise in diesen Minuten zum ersten Mal siehst, die bis dahin schon 30 oder 66 Jahre ihres Lebens gelebt haben, die also unzählige an Erfahrungen gemacht, an Freuden und Enttäuschungen erlebt haben, von denen du nichts weißt, die du nur erahnen kannst?

Dass du ihnen in ein paar Begegnungen helfen kannst, ist zweifelhaft. 

Dass sie glauben, dass du ihnen helfen kannst, ist ein Geschenk. Sie haben sich schon aufgemacht, innerlich wie äußerlich, und sind damit einen ersten großen Schritt zur Veränderung gegangen. Sie haben Hoffnung auf ein besseres Leben. In dieser Hoffnung liegt eine Kraft und aus ihr scheint die Würde des Menschseins. 

Diese Menschen können dir darin ein Vorbild sein: Als die, die sich aufgemacht haben, für sich zu Sorgen, kannst du zu ihnen aufschauen.

 

Doch als Berater erwarten sie etwas von dir. Das darfst du wissen, es aber nicht dir und deinen Fähigkeiten zuschreiben. Im Grunde seid ihr gleich, seid Menschen, die gut leben wollen. Deine Klienten (das sind sie, solange sie zu dir kommen) schreiben dir - je nach dem - Weisheit, Intelligenz, Ruhe, Wissen und eine gute Ausbildung zu. Sie glauben, dass sie bei dir mit jemandem sprechen, der sie verstehen will. Da ist jemand, der sich Zeit nimmt, für sie, nur für sie. Das genießen sie, das brauchen sie, dadurch fühlen sie sich gesehen, wertgeschätzt, anerkannt. Dass du den Klienten das schenken kannst, dafür kannst du wiederum wenig: Du kannst dich, neben vielem, über das du dich ärgern kannst, beim Staat, deinem Arbeitgeber, deinen Eltern und so weiter bedanken. 

Aber du kannst dir der Rolle, die du für deine Klienten hast, bewusst sein. 

Sie erwarten etwas von dir. Sie erwarten, dass du nicht nur Zeit, sondern auch inneren Raum für sie hast. Dass du zuhörst, nachfragst, freundlich und zugewandt bist. Dass du sie nicht abwertest, dass du nicht abschweifst, unehrlich oder heuchlerisch bist.
Sie verdienen einen Menschen, der sich ihnen mir seiner ganzen Kraft widmet


Daher: Komme ausgeruht zur Arbeit. Gehe wach und ruhig in deine Gespräche. Das hast du noch nicht immer geschafft, aber immer öfters.

Außerdem: Sei mutig. Gehe Risiken ein. Experimentiere. Wirf dich mal in eine Methode und vertraue, dass du ein so gutes Gespür für dich und den Klienten hast, dass das klappen wird.
Frag nach Gefühlen. Halte Stille aus. Erwarte nicht zu viel von dir. Rechne mit Ängsten vor Veränderung bei deinen Klienten. Habe den Mut, eure Beziehung zu reflektieren und deine eigenen Gefühle zu benennen. 

Und hoffe, hoffe gemeinsam mit deinen Klienten, dass etwas besser werden kann. Ja, sei ansteckend in deiner Hoffnung, in deinem Blick für die Möglichkeiten der Menschen – und das ohne Druck auszuüben.